Farin Urlaub
Jazzarchiv Hamburg/Bernd Zahn

Farin Urlaub

Berliner Schule
Farin Urlaub veröffentlicht fragwürdige Heimaufnahmen.

Von der Folie befreit und gierig aufgeklappt, begrüßt uns diese Doppel-CD mit einer schrecklichen Warnung: „You Are Entering A World Of Pain“. Wer es bis dato noch irgendwie vermeiden konnte, sich in die Hände der Ärzte zu begeben, sollte das so nehmen, wie es gemeint ist: sehr ernst nämlich!

Die bereits von dieser Kapelle unheilbar Geschädigten hingegen dürften sowieso taub für solche Hinweise sein, sie sind einiges gewohnt. Das umfangreiche Booklet beginnt mit weiteren warnenden Worten: Ärzte-Kollege Bela B (früher Bela B., ganz früher Dirk Felsenheimer) schickt noch einmal aufrüttelnde Worte an die Gemeinde – einigermaßen resigniert freilich, weiß er doch, dass er nur Leute erreicht, nachdem sie die verhängnisvolle Kaufentscheidung bereits getroffen hatten: „Du hast für diesen Totalausfall höchstwahrscheinlich schon ein paar und 15 EUR in den Wind geschossen und stehst nun vor den Scherben deiner Existenz …“ Der Hauptschuldige versichert kurz darauf noch einmal selbst in aller entwaffnenden Deutlichkeit: „Es sind schlechte Lieder, die zudem noch lausig klingen.“

Was ist das für ein Tonträger, vor dem uns der Urheber selbst dringlich fernhalten will? Warum gehört dieses Album trotzdem gehört? Weil es faszinierende Einblicke in die Geschichte einer faszinierenden Band erlaubt. Die Ärzte sind vielleicht das populärmusikalische Phänomen dieses Landes schlechthin: Sie wurden Punks genannt, obwohl sie eigentlich nie welche waren und nie (jedenfalls nicht ernsthaft) sein wollten, sie galten und gelten Millionen als fröhlich-harmlose Spaßrocker, obwohl in fast jedem ihrer Songs mehr Message enthalten ist als in ganzen Alben einschlägiger Betroffenheitsliedermacher, sie wurden als temporäre Zeitgeist-Erscheinung abgetan und existieren nun schon fast 40 Jahre, man hat sie politisch vereinnahmt, obwohl sie auf irgendwelche Correctness immer einen definitiven Schiss gaben, ihre Songs wurden (und werden) in strammdeutschen Bierzelten gegrölt, obwohl das die letzten Orte dieser Erde sind, an die sie sich freiwillig begeben würden. Die Indizierungen durch amtliche Sittenwächter in den 80ern, die schon damals viel eher verkaufsfördernd als jugendschützend waren, erscheinen aus der heutigen Sicht der komplett durchpornografierten Social-Media-Gesellschaft wie von einem anderen Stern.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 10 (Herbst 2017).

(0 Stimmen)
Schlagwörter :

Ähnliche Artikel

Mehr in dieser Kategorie:

« Deine Freunde