Reinhard Lakomy
Chris Gonz

Reinhard Lakomy

Die Geschichtenlieder leben
Kein Museum: Zum fünften Todestag von Reinhard Lakomy.

Im März vor fünf Jahren starb einer der vielseitigsten deutschen Musiker: Der Komponist, Pianist, Sänger und Liedermacher Reinhard Lakomy. Seine musikalische Bandbreite reichte von Jazz über elektronische Musik, Schlagern bis zu Hörspielen und Musicals für Kinder. In der DDR gehörte Lakomy zu den Künstlern mit den meisten Albumveröffentlichungen. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Kindermusical „Der Traumzauberbaum“, das er gemeinsam mit seiner Ehefrau Monika Ehrhardt-Lakomy produzierte und das heute noch Kultstatus hat.

Schon mit 16 war Lakomy ein szenebekannter Jazzpianist, später studierte er an der Dresdener Musikhochschule bis Klaus Lenz ihn in seine legendäre Band holte. Aus dieser Band heraus gründete er mit Günther Fischer zusammen das Günther-Fischer-Quintett. Berühmt wurde er aber erst als Sänger seines eigenen Ensembles – mit rauer Stimme, neuartigen Texten und unverkennbarer kompositorischer Handschrift. Auch schrieb er ca. 200 Film- und Ballettmusiken und wurde Vorreiter der elektronischen Musik. Er programmierte seine Klänge selbst, arbeitete mit Ingenieuren zusammen und er war Mitentwickler für das Notenschreibprogramm von Logic.
Doch mit praktischer Kenntnis fast aller Musikrichtungen wandte er sich mehr und mehr der Musik für Kinder zu. Seine Autorin, die Schriftstellerin Monika Ehrhardt, hat die insgesamt 14 gemeinsamen CD-Produktionen und die Bühnenstücke allesamt mit skurrilen, wunderlichen und poetischen Figuren reich ausgestattet. SCHALL. traf sie in der Berliner „Böse Buben Bar“, deren Namensgeber Reinhard Lakomy ist.

In diesem Jahr gibt es ein Jubiläum zu feiern: „40 Jahre Geschichtenlieder“. Ihr wart Wegbereiter für eine neue Gattung, die Geschichtenlieder-Produktionen: Kunst für Kinder, aus der auch der „Traumzauberbaum“ hervorging.
Ja, „Geschichtenlieder – Der Regentropfen Paule Platsch“ war unsere erste gemeinsame LP, der „Traumzauberbaum“ war die zweite und wurde aus dem Zyklus unser berühmtestes Werk. Geschichtenlieder ist ein Genre, das wir erfunden haben: Lieder, die dramaturgisch in eine erzählte Geschichte eingebettet sind.

Wie kam es zu der Idee?
Lacky hatte eigentlich rund um die Uhr zu tun – mit dem was er als Komponist auf die Beine stellte, der elektronischen Musik und den Theater- und  Ballettmusiken. Unsere Kinderproduktionen waren ja zu Anfang nur ein Nebengleis. Als der „Traumzauberbaum“ entstand, habe ich noch mit meiner Ballettkompanie internationale Gastspiele gegeben. Erst nach und nach wurde es ein Hauptzweig unserer Arbeit, weil Lacky sehr großen Spaß daran hatte. Alles, was er je gelernt und gemacht hat, angefangen von Jazz bis über elektronische Musik und die großen Orchester, für die er Partituren geschrieben hat, das alles brachte er mit in die Arbeit ein, Musik für Kinder zu produzieren. Er war kein Liedermacher im klassischen Sinne – er war Komponist. Er hat schon mit einem Arrangement im Kopf komponiert, das ist etwas ganz anderes. Wie schwierig es ist, merkt man erst, wenn man es singt. Es klingt immer einfach, ist es aber nicht. Lacky guckte zwei Jahre nach Texten. Er hatte vor, für Kinder etwas Besonderes zu machen und fand keine Texte, die ihm dafür geeignet schienen. Schließlich fand er die dann bei mir in der Schublade. Und er war stocksauer auf mich, dass ich es ihm vorenthielt. Dieses Werk, das wir zusammen gestemmt haben, ist unser gemeinsames Lebenswerk.

Du hattest fertige Texte in deiner Schublade und er wusste es nicht?
Sagen wir so: Er hat mich als Schreiber entdeckt. Ich habe immer geschrieben, von Kindheitstagen an. Auch als ich noch als Tänzerin arbeitete, sagte ich mir, dass ich mal schreiben werde. Schreiben hat mich immer begleitet. Mein Hobby war es, mich in Worte auszudrücken und ich habe viel gelesen. Die Idee zum Traumzauberbaum rührt auch daher.  Ich bin im Thüringer Wald aufgewachsen. Und als Kind habe ich die Edda gelesen – darin spielt ein Baum eine wichtige Rolle, die Welt-Esche Yggdrasil, in der der gesamte Kosmos der Welt enthalten ist. Und das musste in meinen Gedanken dann einmal zum „Traumzauberbaum“ werden.  Lacky war derjenige, der mich ermunterte, als Autorin zu arbeiten. Ich habe insgesamt 17 Jahre getanzt und bin von so einem Beruf in den anderen übergegangen. Es war ein nahtloser Übergang. Ich bekam im Laufe der Zeit viele Aufträge von Funk und Fernsehen sowie die Möglichkeit, Kinderrevuen im Friedrichstadtpalast zu inszenieren – immer mit der Musik von Lacky.

Du führst das Unternehmen nach Lackys Tod sehr engagiert weiter und lässt mit neuen Stücken die Geschichtenlieder weiter leben.
Es war ein Schock für mich, als mir die Ärzte sagten, wir hätten noch sechs Wochen zusammen. Diese Zeit war sehr intensiv. Ich habe nach O-Tönen von ihm angefangen, weiter zu schreiben. Lacky fuhr aber immer noch mit auf Tour, bis zu dem Tag, an dem er nicht mehr auf die Bühne konnte ... er saß in der Garderobe und hatte keine Kraft mehr aufzustehen. Die Darstellerinnen aus dem Ensemble wussten, dass es irgendwann soweit sein würde und wir haben die Situation schon früh durchgespielt. Wer übernimmt was mit welchem Text. Bei besagter letzten Aufführung rief mich Lacky an und sagte mir: „Das Stück läuft gerade 47 Minuten und ich bin nicht auf der Bühne und die Leute lachen an den gleichen Stellen. Es hängt an der Marke und nicht an mir.“ Es war in der Tat so. Das Stück lief danach weiter. Ich habe seit Lacky´s Tod vier neue Bühnenstücke geschrieben. Und die laufen mit großem Erfolg, weil das ganze Ensemble gut ist. Die Kinder kennen ja Lacky nicht mehr. Für das ganze Unternehmen ist das Ensemble das Aushängeschild. Auf der Bühne steht das beste Ensemble, das in diesem Segment überhaupt in Deutschland tourt – das darf ich behaupten, ohne rot zu werden. Kein Bombast, es ist Mitmachtheater. Kinder dürfen nicht, sie müssen mitmachen, sonst funktioniert das gesamte Stück nicht. Sie sollen das Gefühl bekommen, mitgeholfen zu haben. Und das Ensemble ist nicht austauschbar. Eine große Spielfreude, eine eingeschweißte Truppe. Das Ensemble ist meine Familie geworden.

Ein anderer Schaffensbereich Reinhard Lakomys ist die elektronische Musik. Hier eilte ihm ein exzellenter Ruf voraus.
Lacky war ja der Papst der elektronischen Musik zu DDR-Zeiten. Er hat damit angefangen als andere noch nicht mal, wussten wie es geschrieben wird. Da wurden Tangerine Dream auf ihn aufmerksam. Edgar Froese schätze ihn und hat ihn oft besucht. Nach einem gemeinsamen Konzert im Palast der Republik vermachte Froese Lacky einen Moog-Synthesizer aus dem Besitz von Mick Jagger, denn Lacky konnte ihn perfekt bedienen und damit arbeiten. Wir hatten später Moog selbst einmal in Frankreich getroffen und er sagte uns: „Nie verkaufen das Ding!“ Da wir im Laufe der Jahre ständig neue Technik auf Grund der Digitalisierung benötigten, haben wir ihn doch verkauften müssen. Heute bedaure ich das.

Gibt es Pläne, auch dieses Werk zugänglich zu machen?
Ich habe vor, eine Werkschau zu machen, wo es nur um diese musikalische Seite von Reinhard Lakomy geht. Zunächst müssen aber die Bänder digitalisiert werden. In Planung ist auch eine Werkschau der Zusammenarbeit zwischen Lacky und Tangerin Dream, als eine Art Dialog. Ich stehe in freundschaftlichem Kontakt zu Bianca-Froese-Acquaye, der Witwe von Edgar Froese, die dessen Werk verwaltet.

Was wurde eigentlich aus Lackys legendären Tonstudios?
Das kleine Studio in unserem Haus habe ich behalten. Im großen Studio, in dem so viele schöne Sachen auch für Kinder entstanden, ist jetzt ein Kindergarten drin. Kurz vor seinem  Tod beschlossen Lacky und ich, dass wir daraus einen Kindergarten machen. Er läuft fantastisch. Olivia Winter, die Darstellerin des Moosmutzel im „Traumzauberbaum“ ist  die Chefin. Sie hat eine Erzieherausbildung absolviert, bevor sie Musik studierte. Wenn ich morgens in das Studio gehe und die Kids begrüße, habe ich gleich gute Laune.

Du bist Intendantin des Ensembles, Musikverlegerin und Geschäftsführerin der  „Traumzauberbaum gemeinnützige GmbH“, Traumzauberbaumarchiv. Trotzdem findest du außerhalb deiner Arbeit noch Zeit für gesellschaftliche Aktivitäten.
Ich war 14 Jahre Stellvertreterin des Verbandes der Schriftsteller, doch nach Lackys Tod gab es viel zu tun und ich legte das Amt nieder. Ich bin aber immer noch Präsidentin des Nationalen Delphischen Rates Deutschland, einer weltweiten Kulturbrücke, die den Dialog der Kulturen fördern will. Es geht um eine weltweite Bühne für Wettstreit, Vortrag, Präsentation und den Gedankenaustausch, sowie die Bewahrung des kulturellen Erbes und die Verständigung unter den Völkern. Eine Tätigkeit, die auch viel Leidenschaft und Zeit erfordert. Dazu kommen noch regelmäßige Schulinszenierungen, u.a. mit 450 Kindern in Berlin. Die Kinder lernen dort, was der Unterricht nicht mehr leisten kann: Gemeinsinn. Sie begreifen, sie sind nur gut, wenn alle gut sind. Sie lernen, dass es nicht einfach ist, auf einer Bühne zu sprechen – sie wissen danach das Kunst Arbeit macht. Sie lernen Disziplin und auf einander Rücksicht zu nehmen. Am Ende des Projektes spielen sie das Stück eine Woche lang zehn Mal. Ich treffe ab und zu Teilnehmer vergangener Jahre und höre: „Das Erlebnis vergessen wir nie!“ Also: Nicht nur Reden was für Kinder etwas zu tun – machen!

Du bist eine rastlose Künstlerin und Managerin eures gemeinsamen Werkes. Womit können die Fans des „Traumzauberbaum“ demnächst rechnen?
Ich habe mich unlängst in Erfurt mit 17 Netzwerkern getroffen. Von Sportverbänden über Theater- und Schulpädagogen bis hin zu Artistengruppen. Wir werden dort in diesem Jahr eine wirklich große, völlig neuartige Inszenierung auf die Beine stellen, die sich „Raumzauber-Traumzauber-Traumzauberbaum“ nennen wird. Das Casting findet im März statt. Ich führe Regie. Die Aufführung soll Ende August stattfinden. Mit Unterstützung der Thüringer Landesregierung wird ein großes Orchester die Arrangements von Lacky auf die Bühne bringen. Das ist eine neue Herangehensweise, den Stoff „Traumzauberbaum“ zu inszenieren. Ich denke, dadurch wird wieder ein Meilenstein geschaffen, damit Lackys Erbe nicht zum Museum wird.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 11 (Winter 2018).

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