Johannes Oerding
Chris Gonz

Johannes Oerding

„Genau so will ich das haben“
Johannes Oerding gewinnt immer mehr an Schärfe.

Er schreibt für Peter Maffay, ist mit Udo Lindenberg befreundet und mittlerweile selbst einer der ganz Großen der deutschen Musikszene. Denn ihm gelingt es wie wenigen, jedem seiner Zuhörer das Gefühl zu geben, er würde nur für sie persönlich singen.

Mittlerweile kann dieser Johannes Oerding auch auf gold- und platinveredelte Alben sowie ausverkaufte Tourneen in immer größeren Hallen zurückblicken, ganz wie seine großen Freunde. Und er weiß ganz genau, was für ein Glück er hat. Anfang November erschien nun sein neues Album „Konturen“, auf dem sich auch politische Songs finden. „,Konturen‘ ist ein großer Schritt für mich“, sagt er. „Ich habe viel Klimbim weggelassen, mich geöffnet und bin mir als Songwriter trotzdem treu geblieben. Mein roter Faden ist nicht rot – er ist bunt“, beschreibt der Sänger sein neuestes Werk, auf dem er sein aufkommendes Verantwortungsbewusstsein nicht unterdrückt. Denn auch das sieht er als Teil seiner persönlichen Geschichten, die er erzählen will: Er schreibt auch auf, was ihn nervt. Und da gibt es so einiges in Deutschland und der Welt. Aber das Album ist keine schwere Kost geworden. Einer der Höhepunkte dürfte ein Trennungssong sein, den er ausgerechnet mit seiner Freundin Ina Müller im Duett singt.

Kein Wunder, dass SCHALL. da ein paar Fragen hat. Für das Interview und unser exklusives Fotoshooting haben wir uns auf dem geschichtsträchtigen Gelände des ehemaligen Funkhauses des DDR-Rundfunks verabredet. Passend zu 30 Jahre Mauerfall … 

Hast du dieses Ereignis damals als Kind wahrgenommen? Hattet ihr familiäre Kontakte im Osten?
Das Thema Wende wurde bei uns in der Schule extremst stiefmütterlich behandelt. Es war ja historisch gesehen noch relativ frisch. Wir hatten weder Verwandte noch Bekannte im Osten und lebten dazu noch am westlichsten Zipfel des Landes, am Niederrhein, der schon tief nach Holland rein ging. Ich habe das kaum mitbekommen. Das Einzige, an was ich mich erinnere: Mein Vater hat uns immer hinzugerufen, wenn im Fernsehen solche Ereignisse gebracht wurden, und sagte: „Guckt euch das mal an, hier passiert gerade Geschichte!“ Das hat er immer so gemacht. Egal ob Wende oder als das World Trade Center einstürzte. Da haben wir uns immer alle vor dem Fernseher versammelt und begriffen – da passiert etwas Besonderes.

Wie reflektiertest du später als Student und Musiker die Wiedervereinigung?
Ich hatte einen Studienplatz im Osten, in Jena, war ein paar Mal dort, wirklich schöne Stadt, und habe mir das angeguckt. Dann wurde ich aber durch das Nachrückverfahren in Düsseldorf für BWL angenommen und bin dort geblieben, weil die Gegend für mich vertrauter war und mein Familie dort herkommt. Natürlich kam ich immer wieder auch mit Menschen aus dem tiefsten Osten zusammen. Ich hatte zum Beispiel einen besten Kumpel aus Dresden, mit dem habe ich zusammen Musik gemacht, zu Beginn meiner Hamburger Zeit. An seine Sprache musste ich mich aber erst gewöhnen. (lacht) Persönliches Interesse für diesen Teil der Geschichte habe ich erst später bekommen. Über befreundete Musiker wie Udo Lindenberg, Peter Maffay oder andere, die immer viel darüber erzählt haben, wie es dort so war, als sie das erste Mal in den Osten kamen. Und dafür fighten mussten, dort aufzutreten. Was das für Bedingungen waren! Das fand ich spannende Geschichte und Musikgeschichte, mit der ich mich aber erst als Erwachsener konkreter befasst habe, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wie kam es zu dem Systemwechsel und dem Verlangen der Bevölkerung danach? Diese Frage stelle ich mir auch besonders heute, weil ich sehe, dass es sehr schwierig ist, diese großen Auswirkungen in beiden Teilen des Landes zu bewältigen und alles unter einen Hut zu bekommen. Ich frage mich, woran liegt das? Was sind die Hintergründe? Dabei entdeckt man ziemlich vieles, was auch schiefgelaufen ist während der  Wiedervereinigung, dass sehr vieles schnell übers Knie gebrochen wurde, nicht gut überlegt war und zu Problemen führte, die wir auch heute noch zu lösen haben.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 18 (Herbst 2019).

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