Stoppok
Tine Acke

Stoppok

Gefühlsverstärker
Auch nach 40 Jahren macht Stoppok noch neue Erfahrungen.

Stefan Stoppok ist unverwüstlich. Anfang der Achtziger erschien das erste Album unter seinem Nachnamen, seither ist der in Hamburg geborene und in Essen aufgewachsene Musiker die beständigste Größe der deutschen Rocklandschaft.

Über 3000 Konzerte hat er gespielt, er ist in ganz Europa, den USA und sogar in Indien aufgetreten, wo er am Flughafen schon mal von Fans umzingelt wird. Etwa eine Million Tonträger hat er verkauft und mit seinen Platten bewiesen, dass deutsche Sprache und Rhythm & Blues sehr wohl zusammenpassen. Texte mit Haltung, die er mit Witz und Verve vorträgt. Auch auf seinem neuen Album „Jubel“, das in seinem Kellerstudio in einem Einfamilienhaus im Nordwesten Hamburgs seinen Anfang nahm. Ein Sammelsurium aus Instrumenten, Tonträgern und Erinnerungen aus 40 Jahren Stoppok findet sich in dem rot-plüschig dekorierten Raum. Obwohl Stoppok auf analog schwört – man sieht es u.a. an der alten Bandmaschine nebst Archiv – hat er diesmal auch digitale Technik zugelassen. Beim Interview erzählt er von einem Shitstorm gegen ihn und warum er trotzdem Grund zum Jubeln hat.

Für die Vorab-Single „Lass sie rein“ hast du einen mittelprächtigen Shitstorm kassiert. Hattest du mit derart heftigen Reaktionen auf Lied und Video gerechnet?
Doch, ich hab damit gerechnet. Und ich hab diese Auseinandersetzung, die man jetzt an den Reaktionen sieht, auch selber in mir gespürt, als ich das Lied geschrieben habe. Es war Sonntagmittag, ich saß in Bayern bei Freunden, die mir ihr Haus überlassen hatten, damit ich Ruhe zum Schreiben habe. Es ist wirklich bei mir so, dass ich den Trichter aufmache und gucke, was kommt. Und da kam dieser Song angeflogen: „Lass sie alle rein.“ Also auch wirklich mit dem „alle“, das jetzt so viele Leute provoziert. Das Erste, was ich dachte, war: Nee, das kannst du nicht bringen.

Warum?
Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, ich war politisch nie korrekt. Ich sehe immer den Menschen, unabhängig welcher Religion oder Ethnie er angehört. Ich mache da keine Unterschiede und bin diesbezüglich nicht zart besaitet. Wenn einer ein Arschloch ist, dann sage ich ihm das – aber die gibt’s in jeder Kultur. Ich habe auf jeden Fall gemerkt, wenn ich „Lass sie alle rein“ singe, ist da in mir selber eine Diskussion.

Und trotzdem hast du dich entschieden, das Lied als Single zu veröffentlichen.
Ja, denn dann kamen die ersten Zeilen: „Das Kind mit dem weinenden Blick – lass es rein.“ Ich hab gemerkt: Der Song will an das Menschliche. Ich machte mir noch mal bewusst, wie extrem es ist, dass jeden Tag Menschen im Mittelmeer sterben. Ich hatte dieses Bild in meinem Kopf. Wenn ich sehe, da sterben welche, diskutiere ich in dieser Situation doch nicht, wen ich reinlasse und wen nicht. Dann schreie ich doch von hinten, wenn vorne einer steht: „Lass sie alle rein!“ Und dann gucken wir weiter. Das war die Geschichte. Das war für mich so berührend. Und ich dachte: Wenn ich einen Song als Künstler nicht mehr mache, weil ich Angst vor der Reaktion habe, dann ist Deutschland wirklich verloren. Deswegen war irgendwann klar: Ich muss das machen, es riskieren. Wir waren dann auch auf Reaktionen darauf vorbereitet. Mein Sohn, der Informatiker ist und sich im Netz auskennt, hatte mich auch schon vorgewarnt.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 19 (Frühling 2020).

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