Julia Neigel
Christian Barz

Julia Neigel

Eine Frage des Überlebens
Warum Julia Neigel zornig, aber voller Kampfeswillen ist.

Julia Neigel ist endlich wieder in eigener Mission unterwegs – mit „Ehrensache“ legt sie das erste Album seit neun Jahren vor.

Und es könnte das wichtigste ihrer Karriere werden. Denn in Zeiten wie diesen ist neben Orientierung und Pragmatismus auch Optimismus, Menschlichkeit, Sinn für Gerechtigkeit und Empathie von Nöten. In ihren Texten regt sie zum Innehalten an, erzeugt positive Nachdenklichkeit und bekennt eine klare soziale Haltung. SCHALL. traf Julia Neigel in ihrer Heimat zu einem sehr offenen Interview.

Julia, dein neues Album hat einen langen Entstehungsprozess hinter sich.
Das stimmt. In vieler Hinsicht. Aus künstlerischer Sicht beabsichtigt, wie auch aktuellen Situationen geschuldet. Die Songs entstanden bereits zwischen 2004 und 2016.

„Ehrensache“ ist in einigen Texten sehr wütend. Was macht dich wütend?
Ungerechtigkeiten und Unrecht. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich habe zum Beispiel im Zuge der Lockdown-Ankündigung, mit der uns Künstlern praktisch Berufsverbot erteilt wurde, folgenden Satz des Bundesgesundheitsministers gehört: „Was ist ihnen lieber? Zur Arbeit zu fahren oder zu den Liebsten – oder zu Konzerten und Sportveranstaltungen?“ Ich saß geschockt vor dem Fernseher. Dann rief ich ein paar Freunde an: „Habt ihr das auch gehört?“ Die waren genauso schockiert. Dieser Satz stellt nicht nur eine Diskriminierung einer Berufsgruppe dar. Er ist geschäftsschädigend, ein Aufruf, die gesamte Branche zu mobben. Die Politiker ignorierten uns, taten so, als ob wir nicht arbeiten würden und wir keine Rechte hätten. Das ist respektlos. Hinzu kommt, dass wir freie Unternehmer*innen sind, also keine Arbeitnehmer. Die Freiberufler und Soloselbstständige wurden in den letzten Monaten bezüglich der Ausgleichsmaßnahmen wie Menschen zweiter Klasse behandelt, sie sollten in ALG II gehen, obwohl sie Freiberufler sind. Sie erhielten keine Zuschüsse, beziehungsweise keine wirtschaftliche Kompensation, obwohl sie Aufträge haben und nicht arbeiten dürfen, weil es ihnen verboten worden ist. Ich entschied also, aktiv zu werden, wollte Schadensminimierung betreiben. Uns war ja klar was passiert, wenn Tourneen abgesagt werden. Ich kenne die Vertragsgrundlagen bei Veranstaltungen, weiß, dass höhere Gewalt nicht bezahlt wird.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 21 (Herbst 2020).

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