Tocotronic
Michael Petersohn

Tocotronic

Erinnerungen an Utopia
Lasst uns mit Tocotronic zurückblicken.

Die Hamburger Schule, die sie einst mit brachial-subtilem Indierock etablierten, haben sie längst hinter sich gelassen. Tocotronic sind auf ihrem eigenen Weg, und dem kann man jetzt mit der großen Werkschau nachgehen. Aus dem Hamburger Utopia bis ins Hier und Jetzt.

Dirk von Lowtzow, Jan Müller, mit „Sag alles ab“ legt ihr nach 27 Jahren Tocotronic eine gewaltige Werkschau vor, mit der ihr euch einmal quer durch die Bandgeschichte arbeitet – von der ersten Note, die ihr jemals komponiert habt, bis zum letzten Ton, der bisher veröffentlicht wurde. Dachtet ihr bei dieser Zeitreise durchs eigene Werk öfter „Was waren wir schon immer gut“ oder „Mensch, was haben wir früher liegen gelassen“?
Jan: Ich habe gemerkt, dass ich über die Jahre ein gewisses Wohlwollen unserem Werk gegenüber entwickelt habe. Ich war früher viel kritischer. Ich habe beim Durchhören der Alben diesmal eher oft gedacht „erstaunlich“. Ich kann jetzt an und in Songs etwas finden, das ich damals vielleicht noch gar nicht gesehen hatte. Es war auch eher spannend, nochmal nachzuvollziehen, wie man überhaupt dahin gekommen ist, wo man gerade künstlerisch steht.

Seid ihr eine analytische Band, die aus der Rückschau bewusste Entscheidungen für die Zukunft trifft?
Jan: Analytische Band … Das klingt so unfassbar unromantisch. In unserer Musik steckt so viel Herz und Leidenschaft. Aber ja, wir empfinden auch eine große Freude dabei, im Nachhinein zu überprüfen, ob die Sachen so angekommen sind, wie sie gemeint waren. Haben wir die Menschen erreicht, wie wir das erhofft hatten? Ja, die Analyse finden wir schon interessant.

Auf euren frühen Alben verhandelt ihr die Außenseitererfahrungen, die ihr gesammelt habt. Wie lange kann man sowas als immer erfolgreicher werdender Musiker glaubwürdig verkaufen?
Jan: Klar hatten wir erfolgreiche Alben, aber wir sind trotzdem keine Mainstream-Popband. Wir waren wirklich alle Außenseiter. Man genießt das in Teilen ja auch. Ich habe es immer sehr genossen, am Fußballplatz vorbei zu gehen und eben nicht mitzuspielen. Aber man leidet auch darunter. Dieses Außenseiterdasein habe ich aber gefühlt in meiner Jugend zurückgelassen – spätestens in dem Moment, als wir die Band gegründet hatten, war das vorbei. Zumindest das Leid, das damit verbunden war.
Dirk: Erste Alben sind nun mal ein Katalysator für frühe Erfahrungen, aber dann schafft man sich ja eine neue Realität. Man hat die Band, ist in einer ganz neuen Szene. Einer Szene, die hauptsächlich aus Leuten besteht, die früher Außenseiter waren. Deshalb sind sie ja Musiker oder Künstler geworden und haben sich ihr eigenes Utopia erbaut in den Freiräumen, die die Großstädte und eben auch die Kunst ihnen geboten haben. Da ändert sich der Blickwinkel irgendwann automatisch.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 21 (Herbst 2020).

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