Die Seilschaft
Dominik Balkow

Die Seilschaft

Frisches Grün auf Gundermanns Acker
Die Seilschaft hat 23 Jahre nach dem Tod ihres Gründers ein neues Album aufgenommen.

„Wir sind sechs Kreative, wir müssen einfach Neues schaffen“, sagt Christian Haase, Sänger der Combo, die sich nun endlich emanzipiert und eigene Stücke herausbringt. Dabei bleibt sie dem Geiste Gerhard Gundermanns treu und entwickelt sich dennoch als eigenständiges Kunstprojekt weiter.

Gerhard Gundermann, der unvergessene Songpoet aus der Lausitz, hat zu Lebzeiten nur fünf Alben veröffentlicht. Doch in den Jahren seit seinem frühen Tod in der Mittsommernacht 1998 ist das CD-Regal mit seinen Songs immer voller geworden. Längst gibt es mehr nachgelassene Alben aus seinen frühen Jahren, mit Solostücken und Raritäten. Dazu gesellen sich Tributalben, wie von der aus Tübingen stammenden Randgruppencombo, von der Schauspielbrigade Leipzig und von der Truppe um Alexander Scheer und Andreas Dresen, die auch drei Jahre nach dem viel beachteten „Gundermann“-Film wieder auf Tour gehen will. Doch jetzt kommt ein ganz besonderes Album hinzu: Die Seilschaft, die mit Gundermann von 1992 an zusammenspielte und mit ihm drei Alben aufnahm, legt nun erstmals eigene, neue Lieder vor. „Na, wo sortierst Du uns ein?“, fragt herausfordernd Christian Haase, der als Sänger und Texter die Rolle Gundermanns eingenommen hat.

Nach den ersten paar Mal Durchhören von „Dein Paket“ weicht die Skepsis. Auf jeden Fall wirken die Stücke so volksliedhaft wie beim Original. Manche schließen musikalisch direkt ans Album „Frühstück für immer“ von 1995 an, dem wohl besten originalen Gundermann-Album überhaupt. Christian Haase klingt in „Wölfe“, als wäre er in der Jugend mit einer Bande durch die Lausitz gestreift, in „Hammer fällt“, als wäre er mit Gundi auf Schicht gewesen: „Wo will ich hin, wenn der Hammer hier fällt und rostig wird sein Eisen/ Wo will ich sein, wenn dem letzten Hemd schon die Nähte reißen“. „Prost Salute Skol“ ist ein hochtouriges Sauflied zum Tanzen wie einst „Macht ja nischt“, die Flöte von Andy Wieczorek sendet Wiedererkennungssignale im treibenden, dynamischen Folkrock. Ruhigere, balladeskere Stücke wie das bittere „Wenn man liebt“ wiederum hätten auf das Album „Engel über dem Revier“ gepasst. Niemand ahnte 1997, dass es das letzte bleiben würde, die Band sah sich vielmehr am Durchstarten.

Die geschockte Seilschaft trat noch mal beim bewegenden Gundermann-Abschiedskonzert 1998 in der Parkbühne Weißensee auf, bei dem Andy Wieczorek die meisten Songs sang. Die Musiker stiegen in neue Projekte ein, so ging Keyboarder Michael Nass zu BAP, Gitarrist Mario Ferraro spielte mit Wieczorek bei Polkaholix weiter und gab ein Gitarrenbuch mit Gundis Liedern heraus – die Akkorde und Griffe animierten viele Laien, die Songs selbst zu spielen. Doch selbst mit einem neuen Sänger die prägenden Songs auf die Bühne zu bringen – davor schreckten die Musiker lange zurück.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 24 (Sommer 2021).

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