The Jeremy Days
Darmstaedter & Oberlander

The Jeremy Days

Brüche sind okay
The Jeremy Days ruhen in sich selbst.

Nach fünf Alben in knapp zehn intensiven Jahren zwischen Studio und Tourneebus hatte sich die Hamburger Band jedoch so sehr an sich zerrieben, dass sie 1995 zerbrach. Wie aus dem Nichts gab es 2019 ein als einmalig angekündigtes Comeback-Konzert, dem aber doch noch eine Tour folgte. Nun erscheint sogar ein Album mit neuer Musik.

Popmusik ist schizophren. Einerseits geht es um den einzigartigen Moment, die Euphorie und Ekstase, wie sie von einem Popsong oder vielleicht auch über einen ganzen Konzertabend hinweg evoziert wird. Andererseits sucht sie auch ständig nach Wiederholung, sehnt sich danach, diesen Augenblick noch einmal reproduzieren zu können. Eine Droge im klassischen Sinne, die sich zum Eigenschutz schnell aus dem Dogma der ewigen Jugend in die Verheißung des Nie-älter-werden-müssens rettete. The Who, die einst mit ihrer Debütsingle die Maxime „..hope I die before I get old“ ausgegeben hatten, sind in dezimierter Formation immer noch am Leben. Phil Collins lässt sich inzwischen mit dem Rollstuhl auf die Bühne schieben. Und es funktioniert, weil nicht nur der Popstar, sondern auch der Fan in gleicher Weise die sich mehrenden Jahre durchquert.

„Niemand will, dass dieser Abend endet“ schrieb die Hamburger Morgenpost im Januar 2019 in diesem Sinne über den Comeback-Gig von The Jeremy Days und lag damit ganz richtig. Schon ein halbes Jahr später tourte die Band durch ganz Deutschland, obwohl der Comeback-Gig als einmaliges Event geplant gewesen war. Und damit nicht genug. Der Adrenalinspiegel darf sich auch beim Publikum weiterhin auf hohem Niveau bewegen, da die Band sich dem Rausch jener Tage nicht mehr entziehen konnte und dem popmusikalischen ‚flow of self-consciousness‘ nun tatsächlich ein neues Album hinzufügen kann: „Beauty In Broken“.

Standen bereits die Livetermine unter dem Motto „The unlikely return“, so passt dies auch hervorragend zum neuen Album. Ein Fünf-Jahres-Takt ist heutzutage bei etablierten Bands quasi der Standard. Tears For Fears beendeten gerade eine 17jährige Veröffentlichungspause und die einstigen Hitlieferanten von ABBA boten sogar vier Jahrzehnte Stille auf. Letztere haben zudem ein digitales Konzert produziert, in dem sie ihre Bewegungen von heute auf Avatare projizieren, die ihr Aussehen von 1978 imitieren. Eine Entwicklung, die damit zu tun hat, dass man in der Popmusik inzwischen maximal entspannt zu sein scheint. Veröffentlichten die Bands der Beat-Explosion Anfang der Sechziger noch mehrere Alben im Jahr, um die Kuh zu melken, solange sie Milch gibt, so sind wir längst im Paradies gelandet, in dem Milch und Honig, also die Aufmerksamkeit des Publikums, scheinbar endlos fließen. Niemand muss sich mehr vor dem Tod fürchten – ein Popstar gilt auch nach dem 27. Lebensjahr noch etwas. So gratulieren wir gerade dem weiterhin agilen Sir Bob Dylan zum 60. Jubiläum seiner Debüt-LP. Doch dass sich vier erwachsene Männer, die die aktuellere Hälfte ihres Lebens kaum Kontakt zueinander hatten, nach der Feier der eigenen Jugend nochmal dem kreativen Prozess aussetzen würden, war nicht unbedingt zu erwarten.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 26 (Frühling 2022).

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