Fraktus
Kerstin Behrendt

Fraktus

Willkommen to the Wahnsinn
Fraktus sind zurück! Falls sie jemals weg gewesen sind. Und wenn es sie überhaupt gibt... Verwirrt? Das sind hier alle Beteiligten.

Die Dokumentation über sie war eine Sensation: Die Wiederentdeckung der völlig unbekannten, legendären Techno-Pioniere Fraktus, die angeblich Anfang der 80er den Sound entwickelten, der zehn Jahre später die Welt erobern sollte. Der Film führte zu ihrer Reunion und jetzt will Fraktus die Gelegenheit nutzen, sich mir ihrem ersten Album seit über 30 Jahren neu zu platzieren. Dickie Starshine (ehemals Dirk Schubert), Bernd „Bernd“ Wand und Torsten Bage, erklären sich und die Welt. Sie versuchen es zumindest.

Es gab ja doch die einen oder anderen Probleme bei der Reunion – so schien es zumindest in der Dokumentation von 2012. Wie ist denn mittlerweile die Zusammenarbeit bei euch?
Dickie: Sehr gut. Wir sind sehr eng. Wir verbringen unglaublich viel Zeit zusammen. Wir haben uns im letzten halben Jahr jeden Tag gesehen …
Torsten: Das stimmt doch überhaupt nicht! Wieso fängst du schon wieder damit an? Das ist doch totaler Quatsch!
Dickie: … das ist unsere persönlichste Platte. (Bernd und Torsten verdrehen die Augen und stöhnen)
Bernd: Es ist so, dass wir, wenn es irgendwie geht, nicht so viel Zeit miteinander verbringen. Wir haben eine solide Freundschaft, die aber deswegen so solide ist, weil sie auf zwei festen Säulen steht: Die eine Säule ist Abstand. Die andere Säule ist Vorsicht. Auf drei Säulen! Abstand, Vorsicht, Entfernung. Am besten erst gar nicht miteinander reden. Wir haben eine ganz solide Freundschaft, die wir gar nicht erst beanspruchen.
Torsten: Wird gar nicht angetastet!
Bernd: Wird gar nicht erst angetastet!
Torsten: Die liegt in einem virtuellen Safe, wenn man so will. Und den Schlüssel, den hat jemand verschluckt. Wir wissen gar nicht mehr, wer.
Bernd: Und wenn Dickie meint, dass wir hier so jeden Tag zusammen wären, dann sagt er das, weil er das so spürt. Weil er uns vermisst vielleicht.
Torsten: Weil er es gerne so hätte! Die Dokumentation war ja nicht gerade schmeichelhaft. Wie bewertet ihr das rückblickend?
Bernd: Die Leute haben nicht mit uns gelacht, die haben über uns gelacht. Wir haben Konzerte gemacht, da haben die uns mit ihren Knicksticks beschmissen. Die haben uns Kaktus genannt.
Bernd: Wie geprügelte Hunde sind wir durch die Nation geschickt worden.
Dickie (zögerlich): Aber das war doch ein Erfolg - Bernd: Naja, schon ... Aber die haben über uns gelacht!
Torsten: Als wären wir moderne Affenmenschen, die man durch die Manege zieht. (an Dickie:) Hast du danach mal mit irgendeinem Fan gesprochen? Mein Gefühl war: Der Narr hat seine Schuldigkeit getan, der Narr kann gehen.
Bernd: Kein einziger Mensch im Backstage. Alle weg!
Dickie: Und im Hotel, die Sachen?
Bernd: Das waren ja nur wieder wir, zu dritt. Das hat ja mit den Fans nichts zu tun.

Umso überraschender, dass ihr nach diesen Erfahrungen überhaupt ein neues Album machen wolltet.
Torsten: Jetzt sollen die Leute nicht mehr über uns lachen.
Bernd: Da hörst du ja ganz klar, dass das ein Album ist, das wirklich am Reißbrett entstanden ist. Wir haben von vornherein gesagt, wir wollen nur die besten Sounds, die es überhaupt gibt.
Torsten: Global!
Bernd: Globale Sounds! Best of the Best! Basedrum von Puff Daddy. Baseline von A-ha … diese ganzen Top Sounds, die Premiumsounds, sollten auf dieser Platte sein. Das sind alles Sounds, die haben sich schon bewährt! Da wird nichts komisch dran gebastelt. Und mit diesem Best of the Best-Prinzip haben wir dann in einem billigen Studio in Berlin T.Raumschmiere und Ben Lauber beauftragt, das zusammenzusetzen.
Torsten: Ja. Haben die ganz gut gemacht.

Heißt das, dass ihr eure eigenen, selbst entwickelten und gebauten Instrumente nicht mehr benutzt?
Torsten: Jetzt ist digitale Kompression auf dem iPad!
Dickie: Und es ist teilweise auf Samsung Galaxy produziert …
Torsten: (seufzt) Lass einfach!
Dickie: Wieso? Was soll denn dieses erschöpfe Keuchen?
Torsten: Wie schwachsinnig du dich einmischst!
Dickie: Wieso denn?
Torsten: Weil Bernd und ich das Interview hier gerade souverän nach Hause reiten.
Dickie: Ja, und? Das Album ist eben auf verschiedenen Plattformen entstanden.
Torsten: Nein! Die Frage war, was mit den alten Instrumenten ist!
Dickie: Soviel darf man schon verraten: Das ganze Konzert wird von einem Handy abgefahren. Ich kann auf meinem Handy Saxophon-Sounds ansteuern, und dann kann ich ein ganzes Solo mit einem Klick abfeuern. (an Torsten, nach einer Pause betretenen Schweigens) Ja, nun guck mich nicht so blöde an!
Torsten: Was der Dickie sich wieder ausgedacht hat!
Bernd: Das prüfen wir dann nochmal, wenn es soweit ist. (an den Interviewer) Du musst dir vorstellen, dass, wenn der Tisch hier die Bühne ist, dann werden wir die in drei Abschnitte einteilen. Jeder kriegt seinen Abschnitt, jeder kriegt seinen Arbeitsplatz. Es ist ja so: Wenn die Beiden nicht machen, was ich will bei meinem Song, dann mach ich ja auch nicht das was der (zeigt auf Dickie) will bei seinem Song.
Dickie: Wir machen auf dem Konzert alle drei was völlig Unterschiedliches.
Tosten: Und das ist das Neue! Jeder spielt auch auf gewisse Art sein eigenes Set. Eigentlich hat man vier Konzerte in einem.
Dickie: Vier?
Torsten: Das eigentliche Fraktuskonzert und die drei Individualgigs.
Dickie: Wir könnten aber auch gleichzeitig in drei Städten an einem Abend spielen.
Torsten: Dass wir dann irgendwelche Penner von der Bushaltestelle nehmen?
Bernd: Die müsste man ja nur in die Kostüme reinstecken. Die Leute kapieren das ja auch nicht.
Torsten: Ne. Aus der Ferne sieht man es nicht.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 3 (Winter 2016).

(0 Stimmen)
Schlagwörter :

Mehr in dieser Kategorie:

« Von Brücken Die Fantastischen Vier »