Milliarden
Peter Kaaden

Milliarden

Die Kraft der Dialektik
Wie Milliarden mit ganz viel Energie und Verve, aber auch Bescheidenheit und Nachdenklichkeit den Mainstream aufmischen. Die Frage an die beiden Milliardäre lautet: Was ist wirklich von Wert?

Das kantige Berliner Schrammelrock-Duo mit den eingängigen Melodien veröffentlicht sein Debütalbum „Betrüger“ beim Majorlabel Universal. Doch trotz der Mainstream-Tauglichkeit gönnt die Band sich den Luxus der Unangepasstheit. In ihrer Musik und allem, was die beiden sind, beschwören sie die Kräfte des Dialogs, der Dialektik und in aller Konsequenz auch die des Dualismus. Es geht nur im Team und auch nur auf Basis von Widersprüchlichkeit. Mit ihrer Single „Milliardär“, zum Beispiel, bescheren sie dem Kulturprekariat seine lange überfällige Hymne, kritisieren im Interview aber gleichzeitig die Umstände, die zur Ausbeutung der Kreativen führt. Bei Milliarden gibt es nie nur Richtig oder Falsch. Es gibt nie nur eine Antwort. Wer es einfach mag, muss andere Bands hören.

Für euch, die ihr als Künstler das Kulturprekariat kennen gelernt habt, ist es besser, zu machen, was man liebt, aber mit miserabler Entlohnung, oder zu machen, was man nicht liebt, dafür aber reichlich entlohnt zu werden?
Johannes: Das ist wirklich eine spannende Frage, weil wir gerade an einem Punkt sind, wo das auch für uns zum Thema wird. Wir haben es immer irgendwie geschafft, über die Runden zu kommen, aber klar, irgendwann kommt die Frage: Ist es gut, so viel Energie dafür aufzuwenden und so wenig Geld dafür zu bekommen? Gerade ist bei mir noch der Punkt, dass ich es lieber so mache, als etwas zu machen, was ich nicht liebe, und dafür aber Kohle zu haben. Da bin ich selber sehr gespannt, wie lange dieser Atem und diese Energie reichten.
Ben: Das Arbeiten für die Liebe ist in dieser Marktwelt eigentlich ein riesiges Unding. Es basiert ja nur auf der Sehnsucht der Künstler, und sie werden von den Strukturen, die sie vermarkten, benutzt. Das funktioniert alles über die Kraft, die Sehnsucht und die Liebe des Künstlers. Da kannst du dich dann entscheiden, ob du dich anbiederst, um Geld zu verdienen, oder ob du dich überhaupt nicht anbiederst und nebenher aber noch was anderes machst. Du kannst machen, was du liebst, aber dafür wenig Geld kriegen, und wachst dafür jeden Morgen mit dem Druck auf, dass du weißt, dass du jetzt wieder klauen gehen musst. Oder auf der anderen Seite – und das kennen wir mittlerweile auch –, dass du es halt nicht mehr schaffst, alles zu klauen. Also packen wir für Geld Kartons, damit man es schafft, die Krankenkasse zu bezahlen. Das dann aber auch acht Stunden, und danach bist du im Eimer. Dann wachst du mit einem anderen Druck auf, nämlich, dass du dich dafür hasst, dass du das hier gerade machen musst. Das heißt, du bist in zwei unterschiedlichen Druckwelten zu Hause und musst dich für eine entscheiden. Ich glaube, die Aufgabe ist es, egal für welche man sich entscheidet, in dieser die Leichtigkeit zu entdecken. Wir können die Frage, was besser ist, noch nicht grundlegend beantworten. Zwar tendenziell her von der Vision, aber nicht, wenn man danach geht, was wir gerade fühlen, weil es für uns gerade einfach beides gibt.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 5 (Sommer2016).

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