Agnes Obel
Axel Brüel Flagstad

Agnes Obel

Blick aus dem Tunnel
Agnes Obel über Einsamkeit, die Schwierigkeit von Auftritten und den Zufall der Wahrnehmung.

Ihre zarten, ätherischen und oft dunklen Lieder atmen eine einzigartige Spannung und Atmosphäre: Agnes Obels Lieder sind immer eigenwillig
und uneindeutig, egal ob sie von Schmerzen oder Schlaflosigkeit, von Verletzlichkeit, Liebe oder der Zeit handeln.

Noch ist Agnes Obel nicht richtig angekommen. Gestern noch war sie in den Vereinigten Staaten, heute schon sitzt sie mit Jetlag in der Milchbar im Funkhaus-Gebäude in der Berliner Nalepastraße, in dem heute neben Studios auch eine Musikschule untergebracht ist. Der kleine Raum füllt sich mit Gästen, die hier zu Mittag essen wollen.

Agnes war gerade in Übersee, um die ersten Preview-Konzerte zu ihrem neuen Album zu spielen – in Brooklyn und L.A. Auch, wenn sie noch ein wenig mitgenommen wirkt, merkt man ihr trotzdem an, dass sie froh ist, wieder in Berlin zu sein, ihrer Wahlheimat seit 2006, ihrem Zuhause. Hier entstanden ihre drei bisherigen Alben inklusive ihres Debüts „Philharmonics“ von 2010, dessen Einzigartigkeit und düstere Stimmung es sofort in den Fokus der nach solch eigener Musik gierenden Musikpresse rückten. In ihrem Geburtsland Dänemark sammelte das Werk dann auch gleich fünf der wichtigsten Preise bei den Danish Music Awards ein, darunter als „Bestes Album“.

Jetzt, mit Album Nummer vier, ist sie auf einem Label angekommen, das schon aufgrund seines hohen Anspruchs und langer Tradition ihrer Musik gerecht wird: Die Deutsche Grammophon. Dass Agnes Obel aber deswegen weiterhin keinem Genre zuzuordnen ist (und schon gar nicht einfach dem der Klassik) zeigt sich schon daran, dass sich in den Staaten das Jazz-Label Nummer eins, Blue Note, um die Veröffentlichung kümmern wird. „Myopia“ dreht sich um eine ganz bestimmte Grundidee – Myopie bedeutet nämlich Kurzsichtigkeit. „Es begann aus einem Gefühl heraus – ich hatte Mühe, meinem eigenen Tunnelblick zu entkommen. Alles um mich herum schien meine Wahrnehmung zu verstärken. Ich wollte daher zeigen, wie es ist, in einer geistigen Verfassung gefangen zu sein mit sehr wenig Überblick, wo nur das, was man noch sehen kann, zunehmend intensiver wird.“ Wobei sie gar nichts gegen diesen Effekt an sich hat, diese Kurzsichtigkeit ist wichtig. „Sie ist ein Stück weit notwendig, wenn man die Welt erleben und verstehen will, aber die Frage ist, wie weit man sich einer von eingeschränkter Sicht geprägten geistigen Verfassung hingeben kann, ohne Halt und Balance zu verlieren?“ Kann man wirklich darauf vertrauen, wie man die Realität erlebt? „Mir wurde nach und nach klar, dass ich es nicht kann.“

Passender- und wohl auch notwendigerweise ist „Myopia“ wieder in Eigenregie entstanden, Agnes schrieb, nahm auf und produzierte allein. Das Studio, in dem sie gearbeitet hat, befindet sich nur wenig östlich von unserem Treffpunkt, denn diese Milchbar war in der Arbeitsphase letztlich das einzige Café in der Nähe. „Das – oder die Tankstelle“, lacht sie.

Aber genauso und nicht anders wolltest du es, oder? Du wolltest wirklich von Anfang an möglichst alleine sein für die neue Musik.
Die letzten Alben habe ich ja in meiner Wohnung in Neukölln gemacht, und mir dann außerhalb Studios gemietet, wie in Mitte, wo viele deutsche Popmusiker waren, und eines in Kreuzberg, auch da waren Produzenten. Drinnen war ich immer allein, aber ich mag es, wenn ich raus gehe und dort Leben ist, Menschen, Kaffee und die Gelegenheit, sich zu beschweren und darüber zu meckern, wie die Arbeit läuft. (lacht)

Es klang so, als hättest du dich für die neuen Aufnahmen aber wirklich zurückgezogen …
Das stimmt. Mein einziger sozialer Kontakt war hier …

… und auch hier zwischen all den Gästen, kannst du ja allein sein, so wie wir es jetzt irgendwie auch sind …
… genau. Und ja, ich war noch zurückgezogener als sonst und das war sehr interessant. Aber das würde ich nicht noch einmal machen, denn ich kann nicht behaupten, dass ich es besonders genossen hätte. Das letzte Album entstand größtenteils in dem Studio in Mitte, während im Nebenstudio der Produzent Philipp Steinke arbeitete, und es war so schön, mit ihm in den Pausen abzuhängen, obwohl er immer an großen Sachen gearbeitet hat. Ich treffe gar nicht so oft Menschen, die in der gleichen Situation wie ich sind, die meisten sind Songwriter, die nicht ihre eigene Produktion machen. Darum fühle ich mich manchmal Produzenten näher. Und das habe ich wirklich vermisst. Ich hatte hier wirklich keinen Kontakt.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 19 (Frühling 2020).

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