Philipp Poisel
Sophie Seybold

Philipp Poisel

Das eigene Tempo
Philipp Poisels Träume und Momentaufnahmen.

Stuttgart, Ende November 2016, die Luft ist klar und kalt, die Sonne scheint und wärmt einen gerade ausreichend, um nicht zu frieren. Es ist ein schöner Tag für einen winterlichen Spaziergang durch den Schlossgarten und den Rosensteinpark. Philipp Poisel nimmt sich mehr Zeit für das Interview als er eigentlich hat und verschiebt Termine, um nichts unbesprochen zu lassen. Es ist das erste Interview, das Poisel seit vielen Jahren gibt. Das Thema: sein drittes Album, das ganze sechs Jahre nach dem zweiten erscheint. Nach drei Stunden offener und ehrlicher Unterhaltung ist klar geworden, dass Zeit für Poisel nichts ist, was man mit einem Blick auf die Uhr messen sollte, sondern mit Leben füllen. Wenn man das tut, wer kann dann schon davon sprechen, dass das zu lange dauert?

Der letzte neue Song, den du veröffentlicht hast ist „Eiserner Steg“ von 2011. Wie viele Songs hast du seitdem verworfen?
Es gab bestimmt noch fast 20 andere Songideen. Eine Songidee kann manchmal auch einfach nur ein Satz sein. Ich habe keine fertigen Songs, die nicht drauf kommen. Ich schreibe Lieder nicht zu Ende, um dann später daraus auszuwählen, sondern bin jemand, der die Songs mit Blick auf das ganze Album erst fertig macht. Und mir ist eigentlich schon klar gewesen, dass es nicht mehr als 12 oder 13 sein sollen.

Sind die sechs Jahre zwischen Album zwei und drei eher der Standard oder die zwei Jahre zwischen Album eins und zwei? Auf was für eine Wartezeit müssen sich die Fans in Zukunft einstellen?
Na ja, die ersten beiden Alben hatten ja auch viel mehr Vorlaufzeit in den Jahren, in denen ich die Songs nicht aufgenommen habe. Wenn man die auch noch als Entstehungsprozess mit einberechnet (grinst), dann hat es im Vergleich vielleicht gar nicht so lange gedauert. Das ist eine gute Frage, die ich selber gar nicht beantworten kann. Aber einen gewissen Rhythmus, auch wenn ich jetzt durch die lange Pause etwas aus dem Rhythmus gekommen bin, würde ich gerne beibehalten. Das ist für mich dann auch ein Ankerpunkt. Ich erachte diese Musik immer als Momentaufnahme, an der man immer weiter arbeiten oder die man auch verwerfen kann. Da ist dann auch der Frankie wichtig (Anm.: Produzent Frank Pilsl), der eine Art Chronist ist, das dokumentiert und veröffentlicht. Er sammelt das, fasst und fügt das zusammen, nimmt mich auf und baut diese CD daraus. Ich glaube, ich würde mir sogar noch länger Zeit lassen. Ich bin da gar nicht so ungeduldig.

Das heißt, ohne ihn würde es deine Alben vielleicht gar nicht geben? Du bist auf ihn angewiesen, dass er die Dinge festhält?
Ja. Das ist vielleicht wie bei einem Koch, der experimentiert und einfach kocht, und einem, der die Rezepte mitschreibt. Ich würde sagen, wir sind da sehr extrem. Zum Beispiel, dass ich eigentlich immer wieder bei null anfangen möchte – und er war bei dieser Platte zum Beispiel sehr dankbar für den Aspekt des Tonbandes, dass die Songs dann schon mal komplett da drauf waren. Zwischen uns ist etwas entstanden, wo er alleine nicht kann und ich alleine nicht kann, und dann passiert es eben.

Lesen Sie mehr in SCHALL. Nr. 7 (Winter 2017).

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